Einem aktuellen Bericht der Unicef zufolge gibt es im Jahr 2005 weltweit immer noch über 100 Millionen Kinder ohne Schulbildung. Indien ist auf dem Weg ins neue Computer-Zeitalter. Viel von der bei uns benutzten Technik wird dort produziert. Fachkräfte werden dringend benötigt. Eine gute Schulbildung tut not!
Wir bauen eine Schule als Hilfe zur Selbsthilfe:
Die Dorfschule in Bah/Nordindien
Text, Bilder und Layout von Elena Erat
Nachdem bislang viele Steuergelder in die Entwicklungshilfe
unter anderem Indiens gezahlt wurden wird jetzt geprüft, ob es sich nicht
mehr lohnen würde, mittels frühzeitiger Förderung des Bildungsstands
die junge Generation effektiver zu unterstützen und somit der Bevölkerung
von der Basis her aus der Armut heraus zu helfen, statt immer nur Geld zu geben.
Einer amerikanischen Studie zufolge macht sich jeder in die Frühförderung
der Kinder gesteckte Dollar 17-fach bezahlt mit dem positiven Effekt, dass auch
die Kriminalitätsrate sinkt und langfristig die Zahl der Beschäftigten
in den geförderten Gebieten steigt. Immer noch werden viele Kinder unter
anderem an Teppichknüpfereien als billige Arbeitskräfte verkauft,
kleine Mädchen müssen als „Tempeltänzerinnen“ älteren Männern
zu Diensten sein usw., statt dass sie in eine Schule gehen bzw. einen Beruf
erlernen.
„Mister, Mister, please stop. Be my guest, I want to know
you!“ Aufgeregt mit einer Hand in der Luft herumfuchtelnd und heftig auf einem
Uraltfahrrad hinter uns herstrampelnd, wurden Peter Materne und ich auf der
Fahrrad-Weltreise bei der Durchquerung Nordindiens von einem Einheimischen ausgebremst
und zwecks Unterhaltung eingeladen. Brahm Datt Sharma, unser wissensdurstiger,
braunhäutiger Gastgeber, strahlte, als wir mit ihm nach Hause gingen. Normalerweise
hält sich in seinem Heimatdorf Bah, zwei Autostunden von Agra/Nordindien
entfernt, kein Fremder länger als nötig auf, zumal es hier weder eine
Sehenswürdigkeit, noch eine offizielle Unterkunft gibt. Jeder schaut, dass
er so schnell wie möglich weiter kommt. Im Wohnzimmer, dicht umringt von
der gesamten Familie und allen Nachbarn, erzählten wir von unseren Reiseerlebnissen,
während ein hektisches Mäuschen auf dem Fußboden seinem Job
als Staubsauger eifrig nachging und Kekskrümel einsammelte. Auf dem Flachdach
rupften derweil wilde Affen die Wäsche von der Leine und rasten damit herum,
bis sie von den Kindern mit langen Bambusstöcken schreiend vertrieben wurden.
Am Abend schaukelten auf der Gasse vor dem Fenster ein paar Kamelgesichter vorbei
und Brahm Datts Frau Suman kochte auf dem Lehmofen im Innenhof süssen Milchtee
über dem Kuhfladen-Feuer. Ich lernte, dass man 300 getrocknete Kuhfladen
gegen ein Suppenhuhn eintauschen kann, wenn man sie nicht als Brennmaterial
braucht oder mit Lehm vermischt als Mörtel beim Hausbau.
Brahm Datt Sharma hatte vor Jahren ein Grundstück der Gemeinde gepachtet
und darauf eine kleine Privatschule gebaut, in der den Kindern mehr Wissen beigebracht
wird als in Regierungsschulen, wo schlecht bezahlte Lehrer ausharren, bis sie
etwas Besseres finden. Entsprechend einfach gestaltet sich der Unterricht.
Stolz präsentierte unser indischer Freund dagegen sein Lebenswerk und betonte,
dass er viel Wert darauf legt, dass auch die in seinem Land meist vernachlässigten
Mädchen einfacher Leute den Unterricht besuchen. Er achtet darauf, dass
kein Kind benachteiligt wird, weil die Eltern zu arm sind, um das Schulgeld
zu bezahlen. In solchen Fällen ermöglicht er eine spätere Bezahlung
nach dem Verkauf der Ernte. Es gibt viele verlassene Frauen bzw. Witwen, die
keinerlei Ausbildung genossen haben und kaum Chancen auf einen guten Broterwerb
sehen. Häufig werden sie, wenn ihr Ehemann stirbt oder sie verstößt,
als unnütze Esser mit ihren Kindern aus der Familie gejagt. Die früher
übliche, heute offiziell verbotene Witwenverbrennung findet auf abgelegenen
Dörfern teilweise noch heute statt. Selbst in der Hauptstadt Delhi liest
man immer wieder in der Zeitung von sogenannten „Kerosin-Unfällen“. Dabei
wird häufig der Verdacht geäußert, dass die nicht mehr erwünschte
Frau mit Kerosin übergossen und angezündet wurde. Viele Mütter
betteln mit ihren Kindern in den Strassen. Armut, Krankheit und Hoffnungslosigkeit
sind ständig präsent.
Beim Besuch in der Schule von Brahm Datt Sharma merkten Peter
und ich wieder einmal, wie gut wir es in den westlichen Ländern haben.
In dreieinhalb Zimmerchen drängten sich 320 Kinder der verschiedensten
Altersstufen auf dem Fußboden. Die Größeren fanden nur im Schulhof
Platz. Keine gute Voraussetzung zum Lernen, wenn einem die heiße Sonne
auf den Kopf brennt. Das Schulheft fand nur auf den eigenen Knien im Schneidersitz
oder auf dem Rücken des Klassenkameraden Platz. Trotzdem trugen uns zu
Ehren drei flaumbärtige Jungs tapfer ein paar Kostproben von Shakespeare
und indischen Poeten vor, den hohen Anspruch der Schule beweisend.
Gemeinsam mit Peter beschloss ich, selbst aktive Entwicklungshilfe zu leisten
und den Kindern zu helfen. Englisch ist die Amtssprache in diesem riesigen Land,
Bildung ein wichtiger Grundstock für das gesamte Leben. Die Förderung
von beidem ist eine volkswirtschaftlich sehr rentable Investition. Mit ihr kann
man Arbeitslosigkeit, Armut und Gesundheitsmisere bekämpfen. Wer informiert
ist, begreift den Zusammenhang zwischen Sauberkeit, Krankheit und Ansteckung,
findet eher einen Weg, sich und seiner Familie aus dem Elend heraus zu helfen.
Mit ausgebildeten Menschen ist wirtschaftlicher Aufschwung, Weiterbildung und
beruflicher Erfolg möglich. Mehrfach spendeten wir Geld für Schulbücher,
Hefte, Schreibgeräte, aber es war irgendwie immer nur ein Tropfen auf den
heissen Stein.
Peter starb 2001 und einige Zeit später entschied ich mich, ‚Nägel
mit Köpfen’ zu machen und Freunde und Bekannte um Spenden zu bitten. Ich
wollte selbst eine Schule in Bah unter der Leitung von Brahm Datt Sharma bauen,
der mittlerweile ein guter Freund geworden war. Aber es sollte nur Hilfe zur
Selbsthilfe sein. Die Dörfler sollten selbst Hand anlegen und das benötigte
Baumaterial für ihre Schule von den Kleinunternehmern im Umkreis erstehen,
damit gleichzeitig die örtliche Wirtschaft etwas angekurbelt wird und einige
Arbeitslose Beschäftigung finden. In Erinnerung an die Anfänge nannten
Brahm Datt Sharma und ich die geplante Grund- und Hauptschule ‚Peter School‘.-
Im November 2002 fand die erste große Benefizparty in einem Freiburger
Gemeindesaal zugunsten der Schule in Bah statt. Viele Teilnehmer hatten ihre
Freunde mitgebracht und so drängten sich fast 200 Menschen am Bufett bzw.
der Bar vorbei und genossen das dargebotene Programm, bei dem auch professionelle
Künstler ehrenamtlich auftraten, wie z.B. Hartmut Schmidt. Er führte
komplizierte indische Tänze vor und erklärte den Zusammenhang mit
hinduistischen Göttergeschichten. Der indische Musiker Ranjit bearbeitete
virtuos die Tabla-Trommel. Bei der Tombola gab es eine große, echte Wasserpfeife
aus Saudi Arabien als ersten Preis zu gewinnen. Eine Diashow entführte
die Zuschauer in Sultanspäläste, dramatische indische Liebesfilme
veranschaulichten die andere Kultur. Viele Helfer sorgten für den reibungslosen
Ablauf des Abends. Ein Teil der Freunde hatte indisches Essen zubereitet, der
andere Teil kaufte und genoss es. Reisesouvenirs wurden ebenso veräußert
wie neue indische Kleidung und gespendete Ansichtskarten der bekannten Fotografin
Heike Pirngruber. Über 2.000€ Reinerlös kamen an diesem Abend zusammen
– der Anfang war gemacht!

Gabi Goll, Diana Diaconu, Rudi Kleinhenz und Elena Erat übergeben
im März
2003 die erste Spende für den Bau der Schule in Bah/Nordindien. Gleich
am
nächsten Morgen rücken Arbeiter an und beginnen mit dem Bau.
Dieses Startkapital brachte ich im März 2003 gemeinsam
mit Diana Diaconu, Gabi Goll und Rudi Kleinhenz nach Indien. Sofort nach unserer
Ankunft in Bah orderten wir Material und stellten Arbeiter ein, die umgehend
mit dem Bau begannen. Darauf bedacht, die Kosten möglichst gering zu halten,
wurde mit einfachsten Mitteln Erstaunliches geleistet. Statt des bei uns im
Straßenbau bekannten „Rüttlers“, einer Maschine, mit der der Boden
festgestampft wird, klopfen dort noch in der Hocke sitzende Arbeiter mit Hammern
so lange auf den Lehmboden, bis dieser einen festen Untergrund für das
Fundament bildet. Das Baugerüst besteht aus Bambusstangen, auf denen sich
die barfüssigen Maurer behende bewegen. Material wie Backsteine, Zement,
Sand etc. wird von Kleinunternehmern der Nachbarschaft auf Wasserbüffelkarren
oder mit uralten Traktoren angeliefert. Brahm Datt Sharma konnte mit dem Versprechen,
die Kinder der Lieferanten zu unterrichten, so manchen Rabatt erhalten.
Im Juni 2003 brachte Jan Konopatzki erneut Spendengeld nach Indien. Dabei kontrollierte
er den Bau und dokumentierte den aktuellen Stand mit Fotos. Als ich im April
2004 mit Peter Krämer wieder Spendengelder aus dem Freundeskreis übergeben
konnte, stellte ich erfreut fest, dass bereits das Erdgeschoss mit 6 Schulzimmern
und einer Toilette (bislang ging man dafür ‚ins Feld‘...) im Rohbau steht.
Es liegen bereits viele neue Anmeldungen von Schülern vor, deren Eltern
hörten, dass in der „Schule der deutschen Freunde“ der Englischunterricht
besser ist als in der staatlichen Schule. Dazu benötigen wir Lehrkräfte,
die gutes Englisch sprechen im Gegensatz zum üblichen „Hinglish“ (Hindi-Englisch).
Zurück in Deutschland, freute ich mich über die Spenden der DZG-Mitglieder
(Dt.Zentr.f.Globetrotter) und der Teilnehmer des Globetrotter-Treffs von Rudi
Kleinhenz bei Bad Kissingen, der in einem Zeitungsartikel über die Schule
berichtete, wie auch 2005 die Badische Zeitung in Freiburg. Dieses Hilfsprojekt
ist eine gute und für jeden Spender nachprüfbare Sache ohne Verwaltungs-,
Transport- oder andere Kosten, wie es sonst bei Spendenorganisationen üblich
ist. Alles geschieht auf privater Basis ohne persönliche Bereicherung.
Ziel ist, die Schule zu fördern, bis sie sich mittels Beitrag der Eltern
selbst trägt. Eine Schule, in der die Kinder mit Computern umgehen und
sich in gutem Englisch ausdrücken können. Das ist mein Anliegen. Ich
verdiene nichts daran und auch sonst niemand.

Mit einfachsten Mitteln wird in Indien gebaut. Das Baugerüst
besteht aus
Bambusstöcken, auf dem die Arbeiter barfuß in Badeschlappen behende
herumturnen. Der bei uns im Straßenbau bekannte "Rüttler"
ist dort ein
normal großer Hammer, mit dem der Lehmboden festgeklopft wird. Aber es
wird
trotzdem ein stabiles Gebäude!
Der Bau wird ständig überprüft, die Flüge zur Schule zahlen
alle aus eigener Tasche und jeder Spendenbetrag geht direkt in Bau- bzw. Lehrmaterial
über, belegt durch Abrechnungen. Die Kinder warten bereits auf den Unterricht,
der ihnen den Start ins Berufsleben erleichtern soll. Jedes dieser Kinder soll
die Chance erhalten, sich im Leben erfolgreich zu behaupten!
Ich habe bei einem meiner Besuche den Bürgermeister von Bah auf die schlechten
sanitären Verhältnisse des kleinen Busbahnhofs angesprochen. Jetzt
hat die Gemeinde in Eigeninitiative nicht nur eine neue, saubere Toilette gebaut,
sondern die ganze kleine Station wurde gleich mit runderneuert. Wer schon einmal
mit einem Bus in Indien unterwegs war, weiß das zu schätzen. Es geht
also vorwärts in dem Dorf und alle machen mit!

Die Kinder in Bah freuen sich bereits auf das neue Schulgebäude
Hier in Freiburg werde ich wieder ‚Charity-Dinners‘ veranstalten: Private Einladungen zum Essen, um Spenden für die Entwicklungshilfe zu sammeln. Ich hoffe, dass Euer Interesse nicht vor Vollendung des Selbsthilfe-Projekts erlahmt und Ihr beim Schulbau weiter mithelft! Es gibt noch viel zu tun, bevor die Schule sich selbst tragen kann. Dann werden Angehörige verschiedener Berufsstände in den Unterricht eingeladen, die den Kindern von ihrer Arbeit erzählen und so eine Art Berufsberatung darstellen, um einen ersten Einblick über die späteren Möglichkeiten zu geben. Und womöglich kommt mal ein Abenteurer von Euch vorbei und berichtet den Kindern aus der großen, weiten Welt? Die Weltkarte ist bereits vorhanden!-
Geht das alles? Es geht!
Wie Sie den Fotos entnehmen können, geht es kontinuierlich voran.
Es ist eine Hilfe zur Selbsthilfe von Wohlhabenderen den Ärmeren gegenüber,
nichts weiter. Aber doch so viel! Bitte helfen Sie mit einer Spende, damit wir
die Schule unterstützen können, bis sie sich selber trägt.
- Herzlichen Dank im Namen der indischen Kinder -
Elena Erat
Sie erreichen mich über kontakt@elena-erat.de

Route der Fahrradweltreise von Elena Erat & Peter Materne